Kreuzverhör


Horus-Auge

Horus-Auge

 

Welche Verbrechen hast du selbst begangen?

Das größte Verbrechen, das ich begangen habe, war sicherlich, meinen Traum vom Schreiben aufzuschieben, bis ich graue Haare gekriegt habe.

Das zweitgrößte Verbrechen ist, Menschen in meinem nahen Umfeld immer wieder zu verkennen. Seltsam: Aus der Distanz fällt mir das leichter. Aber wie war das noch mit den Splittern und Balken im Auge …?

Jetzt schreibst du endlich. Ausgerechnet Thriller. Warum?

Spannende und gruselige Geschichten haben mich schon immer interessiert. (Jetzt frage mich bitte niemand, was in meiner Erziehung schief gelaufen ist.) Die Schulbibliothek war mein zweites Zuhause. Und noch vor der Pubertät entdeckte ich „Tales of Mystery an Imagination by Edgar Allan Poe“, diese wunderbar verstörenden Geschichten, vertont von „The Alan Parsons Project“, und – wurde süchtig.  Nach sowohl als auch. Das, was hinter den Dingen liegt, hat schon immer meine Neugierde geweckt. Vor allem die menschliche Komponente dabei. Ich glaube, das war auch der Grund, warum ich Jura studiert habe. Da bekommt man ja tiefe Einblicke in Abgründe. Leider aus rein formalistischer Sicht.

Abgesehen davon denke ich, dass Thriller in einem Format geschrieben sind, das viele Leser erreicht und dass sie es einem so ermöglichen, gewisse Themen populär zu transportieren.

Mit anderen Worten: Du willst missionieren?

Himmel, nein. Nichts läge mir ferner. Ich selbst hasse es wie die Pest, wenn jemand versucht, mir seine Weltsicht aufzudrängen. Aber ich finde, es gibt viele Themen, die einer Betrachtung wert sind und Thriller sind ein guter Weg, sie an die Öffentlichkeit zu bringen. Was die oder der Einzelne damit macht, ist dann ihre bzw. seine Sache.

Also ist das der Grund, warum du schreibst?

Nö. Oder vielleicht besser: auch. Es gibt ja nicht nur einen einzigen Grund. Das, was ich gerade beschrieben habe, ist sicher Teil davon. Ein anderer Aspekt ist das innere Drängen. Ich habe schon als Kind von kaum sechs Jahren die abstrusesten Geschichten erfunden und erzählt. Frag meinen Bruder! Das war immer schon da, wollte raus. Manchmal kann ich nachts nicht schlafen, weil die Bilder und Geschichten sich mir regelrecht aufdrängen. Deswegen habe ich überall im ganzen Haus (auch am Bett und auf dem Klo) Notizblöcke und Kugelschreiber liegen. Ich muss also schreiben. Mich selbst haben gute Bücher mehr als einmal gerettet.

Aber trotzdem bist du einen Riesen-Umweg gegangen. Wieso?

Ja, das habe ich wohl getan. Wieso? Das alte Klischee hat sicherlich eine große Rolle gespielt. Brotlose Kunst, du weißt schon. Ich komme schließlich aus einem Arbeiterhaushalt. Da war das Handfeste wichtiger als geistige Höhenflüge. Außerdem: Als ich mein Abitur in der Tasche hatte, gab es die Mauer noch. Das Literaturinstitut Leipzig kam also nicht in Frage. Auch der Studiengang „Kreatives Schreiben“ an der Uni Hildesheim entstand erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts auf Initiative des Schriftstellers Hanns-Josef Ortheil. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Manchmal tut es das aber auch bei dem, der zu früh dran ist. Ergo: Das richtige Timing ist entscheidend. Ich hatte es nicht, deswegen musste ich mir alles selbst beibringen. Fachbezogene Kurse und Seminare sowie uneitle Kollegen und Mentoren waren aber auch sehr hilfreich.

Dennoch hast du Jura bis zum Ende studiert und auch noch das zweite Staatsexamen gemacht. Da hätte man doch was draus machen können. Ich meine, du könntest jetzt super verdienende Anwältin mit Villa plus Pool sein.

Lustig, dass du das ansprichst. Ja, stimmt. Manchmal habe ich es wirklich bereut und mich gefragt: Bin ich eigentlich komplett bescheuert? Ich glaube, um das Schreiben zu seinem Beruf zu machen, muss man auf jeden Fall ein bisschen schräg sein. Oder sogar ein bisschen sehr. Aber genauso glaube ich, dass man dem folgen muss, was in einem ist. Sonst wird man nicht, wer man sein kann. Um die Villa und den Pool ist es allerdings echt schade. Denn Autoren verdienen einen Hungerlohn, wusstest du das?

Also wenn ich mir da gewisse Leute angucke, halte ich das für ein Gerücht. Ich sag nur: Dan Brown, Frank Schätzing, Nele Neuhaus, Joanne Rowling …

Ja genau. Das sind die Vorzeige-Gesichter. Die, wo alle denken: boah. Aber jetzt mal Tacheles: Das Gros der Autorinnen/Autoren verdient weniger als 10 % vom Nettoladenverkaufspreis des Buchs. Also Verkaufspreis minus Märchensteuer. Rechne dir das bitte mal aus.

Okay, du nagst also am Hungertuch. Das heißt, Geld braucht man nicht, um Bücher zu schreiben. Was dann?

Hm. Neben der Verrücktheit sicher eine Menge Disziplin. Es gibt reichlich Tage, an denen ich zehn Stunden und mehr vorm Laptop sitze (und nein, ich spiele nicht zwischendurch und ich schaue mir auch nicht gewisse Seiten an, also ehrlich …). Gutes Sitzfleisch ist oberwichtig. Und natürlich ein gesunder Rücken mit ausgeprägt starkem Rückgrat nebst einem dickem Fell (wegen der nicht immer wohlwollenden Rezensionen). Darüber hinaus: grenzenlose Fantasie, Freude an der Wahrnehmung, eine geradezu überirdische Ausdauer und Menschen, die einen wirklich lieben. (Danken möchte ich an dieser Stelle …, ja, nein, ich weiß, dass das hier nicht … okay, okay, ist ja schon gut …). Zu guter Letzt: bedingungslose Liebe zu Büchern und dem geschriebenen Wort. Oder nein, besser noch: eine immerwährende, rauschhafte Verliebtheit, die aber das Sprachzentrum nicht stört.

Wenn du so intensiv mit dem Schreiben verbunden bist, inwiefern sind deine Geschichten dann autobiografisch?

Ich schätze, das ist die Frage, die jedem Autor auf dieser Welt gestellt wird, sobald er ein Publikum hat. Natürlich fließen in meine Romane und Kurzgeschichten Details ein, die ich selbst erlebt oder erfahren habe. Aber ich wäre ja noch verrückter als ich sein muss, wenn ich wirklich prägende Stationen meines Lebens preisgäbe. Mag sein, dass es AutorInnen gibt,  die das tun. Ich persönlich erfinde lieber Geschichten und reichere sie dann mit eigenen Erlebnissen an. Meine Vorstellungskraft ist glücklicherweise so ausufernd, dass ich mich in viele Situationen hineinversetzen kann. Und ich beobachte Menschen gern und frage sie, was sie empfinden, wann immer ich kann oder die Lage es zulässt.

Hast du dich damit schon mal richtig in die Nesseln gesetzt?

Ja.

Ookaay. Themawechsel. Was bedeuten dir Bücher? Sind sie wichtiger als Menschen?

Niemals. Aber seit ich denken kann, sind Bücher mir eine Freude am Tag und Freunde in der Nacht. Bewusst doppelsinnig gemeint.

Wenn sie dir so viel bedeuten, was wünschst du dir dann in Zukunft für die Welt der Bücher?

Für die Welt der Bücher, die Welt der AutorInnen und die Welt der LeserInnen wünsche ich mir, dass es sie immer geben wird, so lange Menschen existieren. Wobei die analoge Form des ausgedrückten Wortes mir besser gefällt als die digitale. Ich bin ein haptisch orientierter Mensch, das Fühlen und Riechen (z.B. frisch gedruckter Buchseiten) gehört für mich zum Genuss dazu. Darüber hinaus wünsche ich mir eine Welt, die den Wert des Geschaffenen zu schätzen weiß und zwar in jeder Branche. Der heute so populäre Geiz ist nicht geil, sondern arm und kurzsichtig, weil er den Ast absägt, auf dem er sich so selbstgefällig eingerichtet hat. Umsonst ist nicht mal der Tod, den wir beim Absturz finden.

Worte so hart wie deine Bücher. Wirst du auch mal was anderes schreiben als Thriller?

Warum nicht? Wenn die Menschen es lesen wollen. Das wird sich dann zeigen. Ideen habe ich viele, auch für nicht kriminelle Geschichten.

Dein Logo, das Auge mit dem Steg, wird dich aber immer begleiten?

Auf jeden Fall. Denn das Horus-Auge steht letztlich nicht für eine gewalttätige Symbolik. Auch wenn es aus der ägyptischen Mythologie stammt und das Auge darstellt, welches der Chaosgott Seth dem Lichtgott Horus im Kampf entriss und welches der weise Mondgott Thot – Schutzpatron der Wissenschaften und der Schreibkunst [sic!] – wieder geheilt hat. Für mich bedeutet es, endlich ganz zu sein, vollständig, mit dem was ich bin und was ich tue. Und genau das ist bei mir der Fall, seit ich mich entschieden habe,  zu schreiben und nichts als zu schreiben. Abgesehen davon drückt es ganz wunderbar aus, was ich bin: eine Beobachterin des Lebens.

 

Horus-Auge

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